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Foto: Thomas Venker
Night Notes

Transatlantische Atemübungen: Colin Stetson & Brìghde Chaimbeul

Für eine Köln-Monheim-New-York-Connection sorgten kürzlich die Dudelsackspielerin Brìghde Chaimbeul und der Saxofonist Colin Stetson im Pioneer Works in New York.

Text: Thomas Venker; Redaktion: Martin Laurentius

Ist das wirklich Laurie Anderson, die da neben mir auf der Empore des Non-Profit-Kulturzentrums Pioneer Works in New York steht und konzentriert mit ihrer Handykamera den Auftritt von Colin Stetson und Brìghde Chaimbeul aufnimmt? Die bizarr grün und rot leuchtenden Displaybilder, die auf eine sehr spezielle App hindeuten und für wunderbar verfremdet-experimentelle Bilder sorgen, bestärken mich darin, dass sie es ist. So ist New York – oder genauer: so ist Brooklyn. Denn wir befinden uns in Red Hook, Brooklyn, einem der zuletzt gentrifizierten fünf Burroughs der Weltmetropole. Damit aber auch genug Star-Struckness, denn die verbietet sich in New York ja, wo man gefühlt alle fünf Sekunden eine bekannte Persönlichkeit an sich vorbeirennen sieht und definitiv niemand etwas für ungewünschte Kontaktaufnahmen übrig hat.

Das Ausblenden von Anderson fällt ohnehin nicht schwer, denn Stetson und Chaimbeul beginnen ihren Auftritt, den vierten gemeinsamen überhaupt und zugleich das offizielle Releasekonzert für ihr drei Tage zuvor auf Envision Records veröffentlichtes Kollaborationsalbum „All the Light in the World“, überraschend beschwingt, ja fast schon euphorisch. Einziges Manko: Auf der Empore ist der Sound leider suboptimal. Das sich in nebligem Grau verlierende Bühnenlicht hilft einem ebenfalls nicht dabei, sich in das fallen zu lassen, was von der Musik in sieben Metern Raumhöhe ankommt. Also das machen, was man sowieso immer tun sollte: vor die Bühne und nah an die Musiker:innen ran.

Ja, die Musik der beiden verlangt Nähe: zum Körper, zum Atem – bei ihnen mit Dudelsack und Saxofon im wahrsten Sinne – und auch zu den optisch-ästhetisch anziehenden Instrumenten, die man ganz genau beobachten möchte, wie sie sich mit Luft füllen und diese wieder mit Klang erfüllt herauspressen. Chaimbeuls Smallpipes setzen eine zugleich weiche, aber auch geradezu bösartig grummelnde, kontinuierliche Grundfläche, Stetsons Basssaxofon hüpft, stolpert, setzt an, verschiebt den Puls. Darunter und dazwischen: Klappen, Stöhnen, Knacken, Atem. Die Instrumente singen nicht nur zusammen, sie beobachten sich fasziniert gegenseitig beim steten Form-und Klangwandeln. Wobei das Set nach der anfänglichen, einladenden Geste im Verlauf immer statischer (gelesen als den Moment ausdehnend), mikroskopischer, droniger wird. Die Klänge bleiben scheinbar auf der Stelle stehen, verändern sich jedoch permanent an Ober- und Unterfläche. Chaimbeuls Dudelsack ist bei allen situativ einsetzenden folkloristischen Konnotationen viel mehr als Referenzinstrument zu begreifen. Der ist nicht weniger als eine Weltatemapparatur, die es vermag, die Zeit neu zu organisieren. Stetson arbeitet sich in diesen Zeit- und Klangstrom hinein, als wolle er aus dem Inneren seines Instruments eine zweite, (noch) verborgene Rhythmik freilegen.

Vielleicht ist es diese körperliche Dimension, die den Abend irgendwann ins Cinematische kippen lässt, in jene Zone, in der Klang Bilder hervorruft, ohne sie illustrieren zu müssen. Ich denke und fühle die Kamerafahrten (und die damit verbundenen Schwindelgefühle) von Argento und Fassbinder, die Spannung zwischen Schönheit und Bedrohung, zwischen Lebensgier und Scham. Aus der ewigen Finsternis schärft ein Klopfen von unten wieder meine Sinne, gefolgt von der Süße einer Melodie, eine Erinnerung an Licht und Bewegung. Wir erleben Musik des Schwindels, der Verwirrung – aber ebenso Musik des Forschens: atmen, hören, atmen, weitersuchen.

Ein anderer Gedanke, der mich durch die ganze Nacht begleitet, ist, wie eng die beiden Musiker:innen für mich mit meiner eigenen Biografie als Co-Kurator der Monheim Triennale verbunden sind. Beide waren dort als „Signature Artists“ eingeladen und haben nachhaltig beeindruckende Performances mit dem lokalen und internationalen Publikum geteilt: Colin 2020, 2021 und 2022, Brìghde 2024 und 2025. Aber auch darüber hinaus sind ihre fantastischen Auftritte im Kölner Stadtgarten und beim moers festival Teil dieser Geschichte. Stetson war unter anderem 2015 „Artist in Residence“ in Moers, wie in Monheim auf Einladung von Reiner Michalke. Chaimbeul wiederum spielte neben der Monheim Triennale (wo Colin sie vorgeschlagen hatte) sowohl im Rahmen der Night of Surprises 2024 als auch mit ihrem Soloprogramm 2025 im Stadtgarten.

Man kann also durchaus attestieren, dass die Karrieren beider eng mit Köln und NRW verflochten sind. Zumal was im Pioneer Works in Brooklyn an diesem Abend von der anwesenden New Yorker Szene primär als nordamerikanisches Ereignis gelesen und gehört wird, historisch nicht ohne die internationale Vernetzung mit Orten wie Köln, Monheim und Moers zu denken ist. Ich weiß, große Worte, aber nicht zuletzt haben die noch existierenden besonderen Förderbedingungen für experimentelle Musik in Deutschland und dem angrenzenden Europa bei uns einen Echoraum für dieses spezifische Milieu an Künstler:innen geschaffen, der neue Konstellationen ermöglicht: einen Raum, in dem man den unbekannten Weg betreten kann, anstatt aus Angst am etablierten Klang- und Kooperationsmuster festzuhalten. Das Pioneer Works ist übrigens auch so ein wahnsinnig wichtiger Ermöglichungsort.

Und so wird dort an diesem Abend diese Verflechtung künstlerisch intensiv hörbar. Gegen Ende bäumt sich die Musik von Chaimbeul und Stetson noch mehr auf, wird größer und größer und größer – ohne ihre existenzielle Zweiheit aufzugeben. Visuell wird dieser Prozess von den eindringlichen, düsteren, fast schon bösartigen Bildern intensiviert, die laut einer Ansage von Chaimbeul auf ihrer schottischen Heimatinsel Isle of Skye gefilmt wurden. Das Happy End dieser Nacht liegt in der Drastik der Gefühle, die diese Musik auszulösen vermag: Ich atme (noch), also lebe ich (noch).

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