Night of Stadtgarten
Text: Odilo Clausnitzer; Redaktion: Martin Laurentius
Der Stadtgarten als Konzertsaal ist gestern, 4. September, 40 Jahre alt geworden, und es geht ihm richtig gut. Unglaublich, erstaunlich! Damals war die Übernahme des alten Restaurantgebäudes für den Jazz der Hartnäckigkeit langhaariger Typen mit gesellschaftskritischer Gesinnung zu verdanken. Heute ist der Stadtgarten im Establishment angekommen. So sehr, dass sich zur Feier sogar NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst nicht lange bitten lässt. Sein Gruß eröffnet eine lange Reihe von Video-Botschaften. Er dankt, freut sich und verspricht Geld, direkt vor Helge Schneider, der dem Stadtgarten zum 140. gratuliert.
Zum Jubiläum gibt es eine lange Night Of Stadtgarten: Rund 20 Konzerte auf vier Bühnen, alles bei freiem Eintritt. Der Anfang ist draußen, im Biergarten. Es schüttet wie aus Eimern. Stadtgarten-Chefin Kornelia Vossebein versichert mit stoischer Ruhe, dass es um halb Acht aufhören werde, zu regnen. Es wirkt, als hätten sie und ihr Team dafür Maßnahmen ergriffen. Und tatsächlich endet der Regen noch während des symbolträchtigen Eröffnungskonzerts. Es spielt Die Patin, ein illuster, international und bewusst rein weiblich besetztes Saxofonquartett um die Kölnerin Luise Volkmann – Camila Nebbia, Sakina Abdou und Kira Linn sind die drei anderen. Der Name Die Patin verweist auf die Kölner Saxophon Mafia. Die war einst das klangliche Aushängeschild der Stadtgarten-Trägerin Initiative Kölner Jazz Haus: vier bis sechs Saxofonisten (ja, natürlich alles Männer), die eine launige, radikale, aber auch kompositorisch ambitionierte Musik gemacht haben. Die Patin spielen nun alte Mafia-Stücke mit neuem Dreh, gleichsam schärfer gestellt, was zum Beispiel den Einsatz und Abruf von Instrumentaltechniken wie Doppelklängen anging. Luise Volkmann improvisiert dazu manchmal richtig soulful. Die Mafia ist tot, es lebe die Patin.
Nach der „Patin“ spielt ein Headliner auf der Draußenbühne: Der norwegische Trompeter Nils Petter Molvaer, auf eigenen Wunsch solo.
Aber ganz allein ist er nicht, er hat seine Maschinen dabei. Solo, das ist (zumindest für einen improvisierenden Bläser) eigentlich ein sehr offenes und verletzliches Format. Bei Nils Petter Molvaer ist es mehr umzirkelte Wohlfühlzone, eine Art anspruchsvolle Karaoke: Zu elektronischen Ambient Sounds und suggestiven Rhythmen spielt er verwehte Linien, stimmungsvoll und melancholisch.
Dann geht es mit dem Programm Schlag auf Schlag; viele Konzerte überlappen sich. Im Kellerklub JAKI bilden drei Kölner Koryphäen der Ü 40-Generation ein All Star-Trio: Niels Klein, Tenorsaxofon, Robert Landfermann, Bass und Jonas Burgwinkel, Schlagzeug. Rein von der Instrumentation (und der spielerischen Klasse natürlich) eine Power-Besetzung. Als Überraschungsgast haben sich die drei die Harfenistin Kathrin Pechlof eingeladen. Eine Harfe plus Jazztrio? Schlimmstenfalls ergäbe das eine Runde klanglichen Überlebenskampf. Aber Pechlof schafft es, die Musik zu prägen. Sie steuert entscheidende Ostinati, Akzente, Texturen bei; ihr Spiel mit dem Trio wirkt wie ein Licht, das durch eine geöffnete Tür aus einem Nachbarzimmer herüberleuchtet. Darin müssen allerlei wundervolle Sachen und Kostbarkeiten liegen. Eine tolle Kombination.
Es ist voll an diesem Abend im Stadtgarten, so voll, dass man gar nicht erst in die akustische Nähe mancher Band kommt. Auf der größten Bühne des Hauses spielen dabei die kleinsten Besetzungen: Fünf Duos hintereinander, alle komplett unterschiedlich, manche von ihnen verströmen klanglich die Weite, nach der man sich als Ölsardine im Zuschauerraum instinktiv sehnt. Den Anfang machen der Jazzmusiker Hayden Chisholm und der Komponist und Musiktheaterspezialist Manos Tsangaris. Der kleine Rest, den ich mitkriege, wirkt so: Eine durchgetaktete Performance (Tsangaris mit Umhämgetrommel) plus freie Improvisation (Chisholm am Altsaxofon). Geht überraschend auf. Danach die Sängerin Lucia Cadotsch und der Pianist Jozef Dumoulin mit ruhigen, dynamisch und kompositorisch zurückgenommenen Textvertonungen. Eine gedämpfte Musik, ein bisschen traurig, ja, im Grundtonfall fast resigniert. Das nächste Duo liefert den passenden emotionalen Befreiungsschlag: Tamara Lukasheva, Gesang und Klavier, und Matthias Schriefl, Blechblasinstrumente. Die beiden machen eine eigentlich unmögliche Mischung aus ukrainischen Liedern, Alpenfolklore, wildem Bebop, Groove und Impro. Was Lukasheva dabei auf dem Klavier spielt, ist weit mehr als Alibibegleitung für ihren exzellenten Gesang. Und spätestens, wenn Schriefl in einer irren Passage rasend zwischen Euphonium und Alphorn hin- und herwechselt, gibt es kein Halten mehr.
Dann für mich der Höhepunkt: Arve Henriksen, Trompete(n) und Stian Westerhus, Gitarre. Im Wesentlichen ist ihr Set wohl frei improvisiert; dabei durchwandern die beiden extreme Soundlandschaften. Henriksens ätherische Trompetenlinien mit ihren nordischen Schlenkern und Schluchzern rühren wie immer mein Gemüt. Dann aber: fast brutale Noise-Wände. Westerhus traktiert die Gitarre mit Violinbogen, attackiert sie manchmal regelrecht. Beide singen auch. Bei Westerhus wirkt es einmal, als schrie da einer mitten im Tumult: „Mann über Bord!“ Dann plötzlich stimmt Westerhus zu seiner Gitarrenbegleitung mit geisterhafter Falsettstimme ein Lied an, das so fahl und erschütternd klingt, dass es mir Schauer über den Rücken jagt. Zum unbeirrten Abschluss spielen dann noch Angelika Niescier, Altsaxofon und Marta Warelis, Klavier High Energy Free Improv. Flirrende Tongirlanden, gehämmerte Tonrepetitionen, Cluster; es wirkt, als ob da wie im Actionklassiker „Speed“ eine bestimmte Geschwindigkeit nicht unterschritten werden darf. Volle Kraft voraus.
Night of Stadtgarten – ein würdiges Fest zum 40. Geburtstag, abwechslungsreich, kompromisslos, tiefschürfend und auch unterhaltsam. Als ich gehe (es müssen ja noch diese Night Notes geschrieben werden), steht schon eine lange Schlange vor der Absperrung: Partygäste für die anschließende Late Night. Für sie hat die Nacht, und vielleicht auch ihre Geschichte mit der Spielstätte Stadtgarten, gerade erst angefangen.