Jazzveedel: 10 Jahre Real Live Jazz in Klettenberg

Köln hat eine großartige Jazz-Szene mit vielen Jazz-Locations, die meisten im Stadtzentrum und Ehrenfeld. Diese Ballung steht in gewissem Widerspruch zur Kölner Veedel-Kultur, also der Eigenständigkeit der Kölner Stadtteile. Viele Kölner bewegen sich primär in ihrem Veedel. Wenn der Jazz diesen Teil der Kölner Bevölkerung erreichen will, muss er im Veedel stattfinden. Genau das macht die „Real Live Jazz“ - Reihe im ABS, die gerade ihr 10-jähriges Jubiläum feiert.

Das ABS ist seit über 30 Jahren in Köln-Klettenberg als Bar/Club und Restaurant etabliert, geöffnet täglich am Abend. Wenn man das ABS durch den Eck-Eingang betritt, sieht man als erstes die große schlichte Bar. Geht man an der Bar vorbei, eröffnet sich ein größerer Raum mit hölzernen Tischen und Stühlen. Alles einfach gehalten, aber durchaus einladend. Genauso sind auch die Getränkeauswahl und die Küche. Das, was der Kölner von seiner Veedel-Kneipe erwartet.

Patrik Becker lebt in Klettenberg. Der selbständige Möbelschreiner ist großer Musikfan. Wenn er auf Reisen ist, dann immer auch auf der Suche nach neuer und ihm unbekannter Musik vor Ort. Während langer und häufiger Aufenthalte in Boston, New York und im Besonderen in New Orleans, das er seine „zweite Heimat“ nennt, lernte er den Jazz überaus zu schätzen. In Boston wurde der amerikanische Gitarrist Brian Seeger 1990 ein Freund. Wenn dieser in Europa auf Tour war, organisierte Patrik Becker Auftritte für ihn in Köln. 2009 fragte er die Betreiber des ABS. Die Besitzer Nicole Lutman und Raimund Stuka und ihr Team sagten ja, und so fand das Konzert im ABS statt – mit Brian Seeger und dem luxemburger Schlagzeuger Paul Wiltgen. Die Musiker mochten den Ort, das lokale Publikum mochte die Musik und warf einige Euros in den Hut. Im Publikum war auch der Gitarrist Riaz Khabirpour. Als der Geschäftsführer des ABS meinte: „Klasse, lass uns das doch regelmäßig machen.“, erklärte Patrik Becker: „Dafür habe ich nicht die Kontakte.“ – und Riaz Khabirpour warf ein: “Ich aber!“ Das war die Geburtsstunde von „Real Live Jazz“ im ABS. 

Ab September 2009 organisierte Patrik Becker dann regelmäßig Konzerte im ABS, am Sonntagabend, der zuvor nicht sehr gut besucht war. Riaz Khabirpour kümmerte sich um Programm und Booking. Becker: „Wir brachten sonntags zusätzliche Besucher ins ABS. Zu Anfang noch nicht immer so viele, aber mit der Zeit immer mehr. Das lief während des normalen Gaststättenbetriebs. Daher konnten wir keinen Eintritt nehmen und sammelten mit dem Hut. Die Musiker bekommen den Hutinhalt und ein Abendessen. Mir war immer wichtig, dass die Musiker ein halbwegs akzeptables Honorar nach Hause bringen konnten. Deshalb habe ich in den ersten Jahren einiges zugeschossen.“

Dazu Janning Trumann, Posaunist und Mitglied des Vorstands der Kölner Jazz Konferenz, einem gemeinnützigen Verein, der die Kölner Jazz-Szene vertritt: „Klettenberg ist ein bürgerlicher Stadtteil. So ist auch das Publikum im ABS. Alt trifft Jung. Ich trete seit acht Jahren selbst ein- bis zweimal im Jahr da auf. Immer eine gute Atmosphäre. Die Musiker fühlen sich gewürdigt und wohl, nicht zuletzt wegen Patriks vorbildlicher Betreuung. Der ist mit Herzblut dabei und im Veedel verwurzelt. Dann finde ich es auch okay, gegen Hut zu spielen. Der war in den letzten Jahren meist gut gefüllt.“

Becker: „Meine Motivation war und ist, jungen Musikern Auftrittsmöglichkeiten zu geben, sie so dediziert und konzentriert auf ihre Musik zu erleben und ihre Weiterentwicklung zu verfolgen. Wir haben viele Kölner Musiker im ABS gehabt, die heute gestandene, erfolgreiche Profis sind. Ich denke zum Beispiel an Reza Askari, Stefan Karl Schmid, Fabian Arends, Matthias Nowak, Hendrika Entzian, Tamara Lukasheva oder auch David Helm, dem Kölner Jazzpreisträger 2019. Finanziell ist es für alle Beteiligten – für uns als Veranstalter, für die Musiker sowie für das ABS – immer ein Kraftakt. Dem ABS gilt hier besonderer Dank für die Bereitstellung der Räumlichkeiten, der finanziellen, logistischen und kulinarischen Unterstützung und vielem mehr. In der Form kein zweites Mal in Köln anzutreffen und von unschätzbarem Wert für den Bestand und das Fortbestehen der Reihe. Dafür haben wir den Namen ABS bekannter gemacht. Die Reihe heißt zwar eigentlich Real Live Jazz, aber die meisten Leute kennen sie unter ABS. Aber abgesehen vom Finanziellen ist es anstrengend, über so lange Zeit  an mehr als vierzig Sonntagen im Jahr ein Konzert zu veranstalten, hab´ ja sonst nichts zu tun. Es fühlt sich schon mal an, wie im Tretboot den Atlantik überqueren zu wollen. Mit einer so herausragenden Jazz-Szene und dem tollen Publikum an Bord, ist dennoch jeden Sonntag immer wieder genügend Antrieb gegeben, es zu versuchen.“

Als Riaz Khabirpour 2019 von Köln nach Mannheim umzog, übernahmen Matthias Nowak und Mareike Wiening die Programmgestaltung und das Booking. Becker: „Ich danke Riaz für seinen langjährigen Einsatz und die gute, vor allem so freundschaftliche Zusammenarbeit. Und ich freue mich, dass Mareike und Matthias das übernommen haben. Über die zehn Jahre hatte sich das Programm von Studierenden hin zu etablierteren Musikern verlagert, die zum großen Teil die Studierenden der ersten Jahre waren. Mareike und Matthias werden neue Akzente setzen und alte wiederbeleben.“

Bassist Matthias Nowak kennt das ABS gut: „Riaz, (Schlagzeuger) Oliver Rehmann und ich haben zu Anfang in größerer Besetzung zusammen gespielt. Später wurde unser KOI Trio daraus. Damit, aber auch mit anderen Bands bin ich über dreißigmal im ABS aufgetreten. Ich mag diesen Kiez-Charakter und den Sound. Und man kann gut neue Dinge ausprobieren. Das Publikum ist erstaunlich offen. Wir wollen die musikalische Ausrichtung beibehalten, aber wieder mehr Studierende ins Programm nehmen. Ich bin als Dozent an der Musikhochschule in Maastricht tätig und möchte versuchen, Studierende von dort mit Kölner Musikern zusammenzubringen.“ Schlagzeugerin Mareike Wiening, erst 2019 nach sieben Jahren in New York nach Köln gezogen: „Ich werde mich im Laufe des Jahres 2020 stärker in die Programmgestaltung einbringen. Unser Fokus liegt darauf, jüngeren Kölner Musikern eine Möglichkeit zum Ausprobieren zu geben, auch in Kooperation mit internationalen Musikern.“

Wird Patrik Becker weitere zehn Jahre die „Real Live Jazz“-Reihe im ABS machen? „Ich möchte die Reihe erhalten. Ob ich noch zehn Jahre so weiter machen kann, weiß ich nicht. Wenn dann jedenfalls in anderer Form, welche das sein wird, z. B. über einen e.V., wird sich vor Ablauf der nächsten zehn Jahre zeigen.“ Die Kölner Jazz-Szene würde das sicher begrüßen. Stellvertretend schreibt Pianist Pablo Held: „Zum zehnjährigen Jubiläum der Real Live Jazz Reihe im ABS schicke ich meine herzlichsten Glückwünsche an Patrik Becker, Riaz Khabirpour, Matthias Nowak und das ABS Team. Ich habe das Vergnügen gehabt, sowohl als Musiker als auch als Konzertbesucher die einmalige Atmosphäre im ABS zu genießen. Patrik und sein Team bereichern nun seit einer Dekade die Kölner Szene und leisten einen großen Beitrag zur Weiterentwicklung dieser Musik, wofür man ihnen nur danken kann. Alles Gute für die nächsten 10 Jahre und bis zum nächsten Mal im ABS!“

Hans-Bernd Kittlaus